| 8. + 15. Mai |
ENO HENZE ICH WILL EINE MASCHINE SEIN, ARME ZU GREIFEN, BEINE ZU GEHN’, KEIN SCHMERZ, KEIN GEDANKE |
| Eno Henzes Arbeiten entstehen in der Interaktion mit der Maschine. So sind seine Computerzeichnungen Resultat der Rechenarbeit von Computer-Programmen. Für die großformatige Wandarbeit „Cortex“ beispielsweise, wurden dem Programm entscheidende Parameter (wie Farbspektrum, Liniendichte und -Krümmung) vom Künstler vorgegeben. Aus solchen abstrakten Werten generiert das Programm eine unbegrenzte Reihe fein strukturierter Liniengeflechte, die im Rahmen eines vorgegebenen Spektrums unendlich variieren. Henze greift in dieses selbstreferentielle Spiel des Codes selektiv und ausfeilend ein, bis ein ästhetisch und formal anspruchsvolles Gebilde hervorgebracht ist. Der Künstler lässt dabei einerseits die Maschine für sich arbeiten, macht sich im letzten Schritt aber andererseits selbst zum Arm der Maschine, wenn er ihre errechneten Ideen per Handarbeit in die Wirklichkeit überträgt. Insofern reduziert Eno Henze seine künstlerische Autorschaft auf die Entscheidungs- und Ausführungsinstanz – und aktualisiert auf diese Weise die Strategie der Warhol-Factory: Um organisch anmutende, serielle Unikate zu produzieren, von denen – wie in der Natur – keines dem anderen gleicht. "Mit der Vernunft gegen die Vernunft arbeiten“ will der Künstler, wenn er in einem distanzierten Verfahren mittels logischer, naturwissenschaftlicher Methoden poetische Schleier und traumhafte Schäume als Formalisierungen philosophischer Ideen erzeugt. Während Henzes Blasenstrukturen zum Bild akkumulierter autopoietischer Wahrnehmungssphären werden, so reflektiert die poppig bunte „Systemstrahlung“ zusammen mit der minimalistischen Video-Skulptur die Frage nach der Freiheit des menschlichen Willens: Die Strahlenbilder wurden nach einem impulsiven, instinktiven Auswahlverfahren in kürzester Zeit aus dem Output des Computerprogramms herausgefiltert – ein Sieg der menschlichen Willkür über die gleichgültige Akribie der Maschine. Dagegen bezieht sich die technisch manipulierte Bildröhre mit dem kreisenden Kathodenstrahl auf ein Experiment des Neurophysiologen Benjamin Libet aus den 60er Jahren: Mit Hilfe desselben Settings wurde die zeitliche Differenz zwischen Entstehung und Bewusstwerdung von Entscheidungen im Gehirn des Menschen bewiesen – und damit der bewusste menschliche Wille grundlegend in Frage gestellt. Wahrnehmung – Bewusstsein – Selbstbestimmung… wird der Mensch durch seine Einbindung in funktionelle Produktions-Mechanismen auf eine bloße Reaktionsmaschine reduziert? Eno Henzes verführerische Arbeiten machen, wenn sie im unprätentiösen Reproduktionsmedium Plakat auftreten, aus ihrer maschinellen Herkunft keinen Hehl. Geht es doch dem Künstler über das oberflächliche Schwelgen in der artifiziell-perfekten Form hinaus um das visuelle Reflektieren einer philosophischen Idee. Katharina Weinstock |